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Internationale Tagung zur Stadtentwicklung im Globalen Süden

Unter dem Titel "Who wins and Who loses? Exploring and Learning from Transformations and Actors in the Cities in the South" fand vom 19. bis 21. November 2015 an der Fakultät Raumplanung eine internationale Konferenz von Stadtplanern statt.

Über 140 Stadtplaner aus über 30 Ländern diskutierten am Campus Süd aktuelle Fragen der Stadtentwicklung des Globalen Südens. In Zusammenarbeit mit der Habitat Unit der TU Berlin veranstaltete das Fachgebiet International Planning Studies (Lehrstuhlvertretung Dr. Wolfgang Scholz) der Fakultät Raumplanung diese von der DFG geförderte Tagung. Sie stellte zugleich die 16. Jahrestagung der Network-Association of European Researchers on Urbanization in the South (N-Aerus) dar.

Als interdisziplinäres europäisches Netzwerk von Forschern und Experten aus dem Bereich Stadtentwicklung im Globalen Süden ist N-Aerus bereits seit 1996 bestrebt, Forschungs- und Lehraktivitäten zu vernetzen. Die Ausrichtung der Jahrestagung in Dortmund verfolgte dabei auch das Ziel, die Fakultät auf internationaler Ebene weiter zu vernetzen und als Standort für internationale Forschung im Bereich Stadtentwicklung weiter zu profilieren. Die zweitägige Tagung war in drei Themenkomplexe gegliedert, die nicht als parallele Sessions durchgeführt wurden sondern sich in Roundtables mit Keynotes, gefolgt von Teilnehmervorträgen, einer Roundtablediskussion unter den Vortragenden und dann anschließender Plenumsdiskussion gliederte. So blieb ausreichend Zeit für eine gemeinsame Diskussion aller.


Das erste Thema "Urbanization beyond Megacities: New urban Patterns – new Constellations of Actors" untersuchte neue Raummuster jenseits der oft rezitierten Megacities und beleuchtete damit auch verbundene neue Akteurskonstellationen über die Grenzen von Institutionen hinweg. Prof. Dr. Wilbard J. Kombe von der Partneruniversität Ardhi University, Tansania zeigte in seiner Keynote „Rapid Urbanization under Poverty: Coping with new Mosaics in African Cities” die Dynamik der Stadtentwicklung auf, die außerhalb der geplanten Entwicklung neue Siedlungsformen vor allem an der Peripherie entstehen lässt. Dies können z.B. Kopien bestehender urbanen Trends aus Dubai, Singapore und Shanghai sein mit neuen Stadtvierteln, die internationalen Vorbildern nacheifern wollen und so auch bewusst genannt werden (world class city, smart cities, eco-cities…) aber auch großflächige Transformationsprozesse in Bestand, die zu sozialräumlichen Verwerfungen führen können. Für ihn stellen ein dysfunktionaler Bodenmarkt, zu geringe Investitionen in Infrastruktur und zu wenig ausgebildete Stadtplaner die Hauptprobleme der Stadtentwicklung heutiger afrikanischer Städte dar.


Die zweite Keynote von Prof. Dr. Lochner Marais, University of the Free State, Südafrika setzte sich mit dem Phänomen wachsender aber auch schrumpfender Klein- und Mittelstädte auseinander. Dies ist ein Phänomen, das sich aufgrund spezifischer lokaler Rahmenbedingungen in Südafrika dem allgemeinen Trend des Wachsens der Städte entgegen stellt. Die anschließenden Präsentationen der Teilnehmer zeigten Beispiele aus Asien und Lateinamerika auf, die sehr detailliert Raummuster, Stadt-Umland-Beziehungen und Akteurskonstellationen in ihrem jeweils spezifischen Kontext untersuchten.


Die zweite Roundtable hinterfragte kritisch den Ansatz der best-practise, der dazu verleitet kann, Beispiele von einem Ort an einem anderen Ort als Lösung zu übernehmen: "Learning from diverse Experiences beyond 'best-practice'". Hier zeigten die Teilnehmer innovative Herangehensweisen auf, die auf die jeweilige örtliche sozio-ökonomische Situation hin angepasst sind und eben gerade nicht sich leicht als Blaupause an einen anderen Ort übertragen lassen. In seiner Keynote zu dieser Roundtable "Cross-National Policy Transfer in Regional and Urban Policy: Learning from the South” hat daher Prof. Dr. Alan Gilbert vom University College in London (UCL) die bisherigen Versuche in den letzten Dekaden als nicht zielführend dargestellt. Er kritisierte u.a. einen mangelnden Wissenstransfer vom globalen Süden in den Norden und zwischen den Ländern und Städten des Globalen Südens. Ein reiner Wissenstransfer vom globalen Norden in den Süden hat bislang keine ausreichenden Antworten auf die Urbanisierungsprobleme im globalen Süden entwickelt.

Die anschließenden Beiträge aus Afrika, Lateinamerika und Asien bezogen sich v.a. auf internationale Kooperationsansätze nicht-staatlicher Akteure, auf Probleme des Transfers von Lösungsansätzen aus dem Norden in den Süden aber auch von zentralstaatlichen Handlungsanweisungen, die in der Peripherie des eigenen Landes nicht anwendbar bzw. dort nicht angemessen sind.


Die abschließende Roundtable "The Politics of Knowledge in Research and Education" schlug den Bogen zur akademischen Ausbildung und Forschung. Prof. Dr. Margarita Greene von der Pontificia Universidad Católica de Chile, School of Architecture in Santiago de Chile analysierte in ihrer Keynote "The Expanded Field in the Built Environment Discipline: explorations and future Scenarios for the Formation of the future Professionals" ein breit angelegtes Forschungsprojekt zur Curricularentwicklung der Stadtplanerausbildung an lateinamerikanischen Universitäten. Ansatz dieses Projektes war es, die Ausbildungen an künftigen planerischen Herausforderungen und interdisziplinären und transdisziplinären Kenntnisprofilen zu orientieren und nicht schon bestehende, an sektoralen Disziplinen orientierte Studienangebote fortzuführen bzw. nur miteinander lose zu verknüpfen.

Die Abschluss-Keynote stammte von Prof. Dr. Harry Smith von der Heriot Watt University, Großbritannien und Dr. Enrico Michelutti von der Università di Udine, Italien. Unter "Redefining the City of the South in the Context of the Crisis: the Experience of N-AERUS 2008-15" fassten sie die dominierenden Themen der letzten N-Aerus Konferenzen zusammen und verfolgten eine Ideengeschichte der Themen und Methoden. Dabei dominierten durchweg case study approaches mit einem hohem empirischen Anteil und einer eher pro-poor eingestellten Forschersicht. Sie identifizierten eher disziplinäre als transdisziplinäre Ansätze und vermissten eine kritische Auseinandersetzung mit Theorien bzw. Beiträge zur Theorieentwicklung. Allerdings ist das akademische Umfeld zu einer Forschung im globalen Süden schwieriger geworden, so die beiden Autoren, da sich viele Forschungsinstitutionen aus diesem Feld zurückziehen und Mittel europaweit gekürzt wurden und auch zunehmend eine eher technische und weniger wertorientierte Ausrichtung in den Planungswissenschaften verfolgen. Die anschließenden Beiträge setzten sich mit dem Verhältnis von akademischer Forschung und Lehre und sozialen Bewegungen, sowie dem Verhältnis von Staat und marginalisierten Gruppen einerseits und der Rolle, die die Akademia dabei spielen kann/soll andererseits auseinander. Nicht unerwartet waren hier die meisten Beiträge aus Lateinamerika.


Den Abschluss der Tagung bildete eine Exkursion zum Phoenix-See unter Führung des Leiters des Dortmunder Stadtplanungsamtes. Das Projekt wurde von den Teilnehmern interessiert aufgenommen aber kritisch reflektiert. Insgesamt gab es eine durchweg positive Rückmeldung seitens der Teilnehmer. Besonders hervorgehoben wurde die breite Zusammensetzung der Teilnehmer aus vier Kontinenten und deren Diversität. Einerseits gab es einen hohen Anteil von Promovierten, die ein Drittel der Teilnehmer stellten, aber auch eine rege Teilnahme von internationalen Studierenden aus stadtplanungsrelevanten Masterstudiengängen aus Dortmund, Berlin, Frankfurt und Stuttgart. Damit konnte die Konferenz, deren Teilnahme kostenfrei war, auch den akademischen Nachwuchs unterstützen.


Kontakt: Dr. Wolfgang Scholz